Taiwan

 

„Hola,“ begrüßt mich Jessi, als ich sie zum ersten Mal sah. Ihr Lächeln ist freundlich und sanft. Ich wische mir meine Hände in der Hose ab, bevor ich ihr die Hand gebe. Von der Arbeit auf der Farm haben sich ein paar hartnäckige Erdkrusten, sowie die ersten Kratzer auf meinen Fingern angesammelt. Ich setze mich zu ihr und finde schnell heraus, dass sie ein Jahr als Austauschschülerin in Mallorca verbracht hat. Somit mischt sich in das bereits vertraute Englisch der letzten Tage (dank meiner schottischen Mitbewohner), wieder ein bisschen Spanisch dazu. Neben ihr sitzt Rosana. Beide Mädchen sind aus Taiwan. Beide sind heute mit dem selben Bus angekommen und wohnen noch dazu in Taipai (Hauptstadt von Taiwan). Und wussten bis vor 15 Minuten nichts davon.

 

Zufälle gibts, Leute.

 

 

 

 

 

„Mittlerweile reisen junge Leute in Taiwan ziemlich viel.“ erzählt Jessie. Die Generation vor uns  ist generell nicht so viel gereist, aber das hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Natürlich kommt es heutzutage auch darauf an, wofür die Leute ihr Geld ausgeben wollen. Jeder hat andere Prioritäten. Für manche ist es wichtig, früh ihr eigenes Heim zu errichten und eine Familie zu gründen. Andere sparen das Geld für ihre Zukunft oder für das Reisen.  Ich bin 28, in diesem Alter haben die meisten meiner Freunde und Bekannten schon längst ein Haus und eine Familie.  Da schauen mich die Leute schon noch an und fragen mich, was ich denn danach mit meinem Leben vorhabe.

Die Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, heißt Chiayi. Sie liegt im südwestlichen Teil von Taiwan. Allerdings bleibt von den jungen Leuten niemand hier, da die meisten in größere Städte ziehen, um zu studieren oder Arbeit zu suchen.

 

 

 

Rosanna fährt sich mit der Hand durch ihre kinnlangen Haare und bindet sie zu einem Dutt zusammen. Sie ist 24 Jahre alt und kommt direkt aus Taipai.

 

 

“Was wirklich wichtig ist, sind die Noten,” wirft sie ein. “Gut, das spielt mit Sicherheit überall eine wichtige Rolle, aber in Taiwan legen wir wirklich übertrieben viel Wert auf die Noten. Sie sind das, was wirklich zählt.  Wir lernen, lernen und lernen. Das traurige ist, das auf Talente, also zum Beispiel im kreativen Bereich, kaum Wert gelegt wird. Sicher haben wir Musikschulen etc., aber viele Eltern befürchten, dass die Kinder, die ihr Talent zum Beruf machen wollen, damit später nicht viel Geld verdienen werden. In dieser Hinsicht sind wir schon sehr oberflächlich. Schulisch wirst du stark gepusht, es wird viel von dir erwartet. Doch du bleibst trotz starker Bemühungen immer nur ein Teil einer großen Masse. Auf dein eigenes einzigartiges Talent schaut niemand. Das geht dabei verloren.”

 

 

 

 

 

 

 

 

 

“Total gerne  reden wir  über das Essen. So wie in anderen Ländern als Smalltalk über das Wetter diskutiert wird. Bei uns heißt es: Hast du schon gegessen? Wie war das Essen? oder wollen wir gemeinsam Essen gehen?”

 

 

Wir reden auch gerne über verschiedene Restaurants und empfehlen uns gegenseitig  Plätze, wo man gut und billig essen gehen kann. Ich weiß eigentlich selbst nicht, warum wir das machen. Wenn wir also andere Menschen nicht so gut kennen, ist das immer eine gute Basis, um ein Gespräch zu beginnen. Es gibt uns eine gewisse Sicherheit.“

 

 

“Wir sprechen zwar Mandarin, aber es klingt anders als in China. Es ist „softer“, wir reden weicher und etwas flüssiger, also nicht so hart wie in China. Wir haben auch ein ziemliches Sprachgewirr in Taiwan.  Unserer Eltern und Großeltern sprechen zum Teil noch Taiwanisch, das ist mittlerweile die “alte Sprache”. Wir, die jüngere Generation, sprechen und verstehen fast nur noch Mandarin, so vermischt sich das alles etwas. Dazu kommt noch, dass wir viele Dialekte haben. Das macht es den Menschen aus China natürlich schwer, uns zu verstehen.”

 

 

Für alle, die gerade ernsthafte Vermutungen anstellen, was diese Schriftzeichen bedeuten könnten – nein es steckt keine tief verborgene Lebensweisheit dahinter. Sondern Sam. 

“Because of Sam” würden die Zeichen übersetzt heißen. Sam ist nämlich unser Ofen und somit ein unverzichtbarer Teil unseres Alltages im Apartment geworden. So unverzichtbar, das wir ihn mittlerweile sogar als das Symbol unserer Freundschaft sehen. Dank dem wir abends gemeinsam in der Küche zusammen sitzen und über skurrile Zukunftspläne philosophieren können. Derjenige, der uns ein Überleben außerhalb des Bettes überhaupt erst ermöglicht. Denn die Nächte hier auf der Farm in Lobras sind kalt und es gibt keine elektrische Heizung. So hab ich mir angewöhnt, immer mit meinem Pulli schlafen zu gehen und statt einer gleich zwei Daunendecken zu nehmen. Untertags wird es recht warm, da kann die Temperatur schon bis  zu 28 Grad ansteigen, obwohl wir mittlerweile November haben.  Genauso schnell wie sie steigt, fällt sie auch wieder. Sonnenauf – und -untergänge folgen im Minutentakt, in der einen Minute steht die Sonne noch knapp über dem Bergrand und taucht den Himmel in ein warmes Orange – in der nächsten ist sie schon hinter dem Horizont verschwunden. Der Mond ist den ganzen Tag über sichtbar, und in der Nacht leuchten die Sterne heller, als an keinem anderen Ort, an dem ich bis jetzt war. 

Die Umgebung hier ist karg, trocken, aber birgt auch gleichzeitig eine unglaubliche Klarheit in sich. 

Mehr zu meinem Aufenthalt auf der Organic Farm von Maja und Kristian Janson kommt demnächst. 

 

LOVE

 

 

 

 

 

“Und wenn wir schon beim Thema Essen sind. In den Städten haben wir sehr viele Straßenmärkte, wo du überall fertiges Essen kaufen kannst. Wir sind ziemlich faul geworden, was Kochen angeht. Die Märkte sind ziemlich billig und es gibt eine unglaublich riesige Auswahl, also kaufen wir das meiste auf der Straße. Die Leute mögen das.

Klar haben wir auch Supermärkte, aber unsere Eltern haben uns so erzogen, dass wir meistens zu traditionellen Märkten gehen. Dort bekommt man fast alles lebendig. Wenn du ein Huhn brauchst, gehst du dorthin, suchst dir eines aus und das wird dann direkt dort für dich geschlachtet. Das gleiche auch mit Fisch oder anderen Tieren. Und es ist gar nicht mal so viel teurer und unterstützt auch die lokalen Bauern. Somit wird auch verhindert, dass zuviel übrig bleibt oder Fleisch verschwendet wird.”

 

„Oh und so viele Menschen denken, dass wir ein Teil von China sind,“ meint Rosana. „Das stimmt nicht!  Wir haben unseren eigenen Pass. Unsere eigene Kultur. Einer der größten Unterschiede zwischen Taiwan und China ist, dass wir wählen können. Wir als Volk haben die Macht, unsere Regierung selbst zu bestimmen. Das ist in China nicht möglich. Darum liegt unserer Bevölkerung am Herzen, uns endlich von China unabhängig zu machen. Auch sind wir, was Frauengleichberechtigung angeht, nicht so konservativ eingestellt. Bei uns herrscht eine ziemlich gute Gleichberechtigung. Frauen werden nicht unterdrückt oder auf eine zweitrangige Stufe gestellt. In den Städten ist das auf jeden Fall so.  Am Land kann das unter Umständen schon noch vorkommen, dass Frauen nicht gleich behandelt werden wie Männer. Aber das ist ja in Spanien auch noch der Fall.

 

“Und wenn wir schon bei Spanien sind, im Vergleich zu den Menschen hier sind wir schüchterner. Wenn wir etwas wollen, fragen wir nicht direkt, lieber reden wir um den heißen Brei und hoffen, dass sich unser Anliegen dann dadurch löst. Auch können wir nicht wirklich “Nein” sagen. Für uns  ist das unhöflich und in einer gewissen Art auch respektlos. Lieber akzeptieren wir Dinge, die wir nicht wollen als dass wir ablehnen aus Angst, dem Gegenüber ein schlechtes Gefühl zu geben.  Wichtig ist, die Harmonie zu erhalten, sprich der Schein, alles gut und schön wirken zu lassen. Auch wenn das oft nicht der Wahrheit entspricht.”

 

“Für alle Grüntee Liebhaber ( mich eingeschlossen), in Taiwan gibt es eine große Teeproduktion. Weil unser Klima dafür optimal ist. Wir haben feuchte, aber nicht all zu heiße Sommer mit bis zu 28 Grad und milde Winter mit bis zu mindestens 13 Grad. Oolongs, Pouchong und der Grüntee Pi Lo Chun sind besondere Spezialitäten. Vor allem der Oolong-Tee ist sehr bekannt. Geschmacklich betrachtet liegt er irgendwo zwischen den grünem  und schwarzem Tee.

Würde man den taiwanischen Oolong-Tee mit dem aus China vergleichen, wirst du sofort den starken Schwarztee-Charakter des Taiwan Oolong merken. Das liegt daran,  dass der Tee hier etwas länger fermentiert wird. Die Kunst besteht darin, genau den richtigen Zeitpunkt zu finden, um die Fermentation abzubrechen. Aus dem Grund wird dieser Tee auch hauptsächlich in kleinen Familienbetrieben erzeugt und dafür fallen auch höhere Produktionskosten an.

Pouchong ist eine ebenso typische Teesorte aus Taiwan, allerdings hat diese Sorte im Vergleich zum Oolong nur einen sehr leichten Schwarztee-Geschmack.

Die besten Teequalitäten kommen aus dem Hochland von meiner Heimatstadt Chiayi und Nantou. Aber man kann sagen, dass sich der Teebau vor allem auf den Norden und die Mitte der Insel konzentriert”,  erklärt Jessi.

 

Sie holt aus ihrer Tasche einen kleinen Plastikbeutel heraus. Mehrere Teebeutel kommen zum Vorschein.

Rosana bekommt große Augen. “Du hast welche mitgebracht?”, sie wirkt richtig emotional.

“Also Grüntee für uns,” Jessi grinst fröhlich und schaut zu mir, ” und Chinese Class für dich, Lisa?”

HELL YES!

 

 

 

 

 

 

Es ist Abend geworden, draußen fädelt sich die Sonne im Sekundentakt durch die kargen Wipfel der Mandelbäume ( die von der extra starken Sorte, aufgrund der Höhe) und haucht diese in ein rosarotes Licht. Wir stehen am Balkon und betrachten dieses Geschehen. Jede für sich. Versunken in der eigenen Gedankenwelt.

Ursprünglich wollte ich als Aupair nach China. Jetzt bin ich in Spanien und lern hier diese zwei Frauen aus Taiwan kennen, lerne auf einer Farm in the middle of nowhere etwas über die asiatische Kultur. Und das ist auch gut so. Dinge kommen und gehen, ohne dass wir immer  Einfluss auf sie haben können. Oft ist man einfach dazu verdammt zuzusehen, wie Pläne und Vorhaben wie feiner Sand zwischen den Fingern durchgleiten. Unaufhaltsam. Manchmal fast provozierend langsam.

Es lehrt uns. 

 

Auch wenn vieles am Anfang noch nicht viel Sinn macht, so glaub ich,  fügen sich die Dinge mit der Zeit von selbst in ihre ursprünglich gedachten Formen. Freiwillig, ohne Zwang.

Natürlich nicht immer direkt so, wie wir es von ihnen erwarten. Aber um ehrlich zu sein, haben wir überhaupt ein Recht darauf?

 

Darum ist es umso wichtiger, manchmal Abstand zu bekommen, alleine zu sein und die Dinge aus der Ferne zu betrachten. Darauf zu vertrauen, dass sie ihren Weg schon finden werden.

Und ich  bin mir sicher, dieses Vertrauen wird eines Tages belohnt.

 

 

Fotos & Text  © Lisa-Marie Lehner

 

 

 

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