Ankunft und Aufbruch

Der 4.11 war es, als ich ins Flugzeug stieg. Also noch gar nicht so lange her.

 

Nachdem ich die letzten zwei Monate ein turbulentes Auf und Ab auf emotionaler Ebene hatte, gewisse Dinge nicht nach Plan liefen und sich in mir selbst eine immer weiter wachsende Unruhe ausbreitete, wusste ich:  

Ich brauch einen fremden Ort,  um aus dieser stickigen Atmosphäre des ewigen Anzweifeln heraus zu kommen.

 

Und zwar schnell.

Gleich.

Am liebsten jetzt und sofort.

 Ich brauchte  ein Land wo ich spontan hinfliegen konnte  und so fiel meine Wahl ziemlich schnell auf Spanien. Aufs Bauchgefühl zu hören, ist immer gut. Außerdem mag ich Spanisch. 

Durch HelpX suchte ich mir Arbeit für zwei Monate in Südspanien  und buchte gleich darauf schon mein Ticket nach Malaga. Mir blieben weniger als drei Wochen in Österreich. 

 

Kaum hatte ich den Flughafen verlassen, wurde mir schlagartig warm. Touristen tummelten sich in Scharen und lautes Stimmengewirr aus allen möglichen Sprachen hing in der Luft. Langgezogenen Schatten der Palmen säumten die Straße, als ich mit Google Maps vergeblich mein Hostel suchte. Ich gehöre zu den Leuten, die das einfach nicht hinkriegen aber dafür lieber 10 verschiedene Leute nach dem Weg fragen. Was eindeutig mehr Spaß macht – und stolz weil ich bemerkt hab, dass mein  Spanisch noch nicht ganz verkümmert ist.

 

 

Ja, das ist spätestens der Moment, wo das Dauergrinsen wieder kommt. Malaga ist für mich ein einziger pulsierender Kessel. Wenn ich es in drei Worten beschreiben müsste, wären es:

Lebendig. Bunt. Laut.

Obwohl es Anfang November ist, bin ich in großen Massen von Touristen umgeben. Restaurants drängen sich an Restaurants, viele bieten im oberen Stockwerk schnuckelige Balkone mit kitschigen Blümchengeländer an, wo gerade mal Platz für Hals über Kopf verliebte Pärchen ist. Straßenmusiker konkurrieren um die besten Stellen und Händler versuchen mit irgendwelchen Sprüchen die Aufmerksamkeit der Touristen über die laute  Musik zu ergattern.  Ein einziger Kampf ums Überleben, so beeindruckend es auf den ersten Blick auch scheint, die Blicke der Verkäufer bleiben abgestumpft und leer.

 

 

 

Ich finde mein Hostel – das erste das mir ins Auge springt ist eine groß platzierte Tafel mit: Heute gratis Sangria ab halb zehn. 

Wenn das mal keine freundliche Begrüßung ist. Ich check ein und sperre meinen 13 kg Backpacker im  Achtbett -Zimmer ein. Danach schnapp ich mir meine Kamera und verbring den Abend damit, erstmal durch die gesamte Innenstadt zu schlendern und mich den aufgeregten Verhalten meiner Mitmenschen anzupassen.

 

 

Dann lern ich kurz vor dem Heimweg, Maria – Luisa kennen. Sie kommt aus Hamburg, ist seit einem Jahr nach Malaga gezogen und arbeitet hier. Wir trinken Wein zusammen und anschließend  zeigt sie mir ein paar  ihrer Lieblingsbars ( von denen gibts hier nämlich auch genug) und führt mich in der Stadt herum. Kurz vor elf komm ich ins Hostel zurück und fall müde aufs Bett. Während ich meine Fotos auf der Kamera anschaue, geht die Tür auf und zwei Mädchen kommen herein. Beide reden Spanisch, nur der Akzent kommt mir diesmal bekannt vor. Ich spreche sie darauf an.  Milena und  Natalia sind aus Argentinien, und studieren in Spanien, genauer gesagt in Granada, einen Stadt ca. 2 Stunden mit dem Bus entfernt. Insgesamt sind sie zu dritt hier. Nach ein paar Stunden tauschen wir Nummern und das Versprechen aus, dass ich sie in Granada besuchen komm.

 

Auf Samstag, folgt Sonntag.  Ich frühstücke im Hostel für 2 Euro, lerne zu meiner rechten einen Fotografen aus Colorado kennen und gegenüber ein Mädchen aus Sydney.

Den Tag verbringe ich am Strand, auf den Kunstmarkt und auf den Mirador de Girbralfaro ( das ist ein ca. 130 m hoher Hügel auf dem sich eine Burg befindet und man eine echt tolle Aussicht auf die Stadt hat). Dort hab ich eine  total liebe Familie aus Schweden kennengelernt, die ich im Laufe des Abends wieder getroffen habe.

 

 

 

 

 

Ich fühle mich wahnsinnig wohl in Malaga. Die Stadt empfängt dich mit offenen Armen und auch wenn ich nie einen Plan oder ähnliches benutzte, ich kam immer ungewollt an mein Ziel. Ich schaltete meinen Kopf komplett ab, und nahm nur auf. Meistens  trieb ich in der Menschenmasse mit, ich fühlte mich jedoch  nie eingedrängt oder verloren. Ganz im Gegenteil, die Stadt führt ihre Besucher, lenkt sie geschickt von einer Ecke zu nächsten.

Gerade einmal ein Tag ist vergangen. Ich weiß nicht was passiert ist, aber ich glaube wieder so zu fühlen. Wieder ein Stück intensiver wie vorher. Dieser Blick für die ganzen schönen kleinen Dinge schärft sich. Wenn Lichtstreifen sich durch Palmenblätter fädeln oder Sand unter den Füßen kitzelt. Wenn die Frau vom Maroni Stand her lächelt.

 

Oder ich einfach mit Trägershirt in der Sonne liegen kann, während Österreich eingeschneit wird. Ja, in diesen Satz liegt fast ein Funken Schadenfreude.

 

Sonntag abends sitze ich noch im Gemeinschaftsraum des Hostel und checke meinen Busverbindungen für Montag. Denn morgen fahre ich zuerst nach Granada und dann weiter nach Cadiar, um dort für die nächsten zwei Wochen auf einer Organic Farm zu arbeiten.  Mitten im Nirgendwo von Andalusien.

Dabei sehe ich ein blondes Mädchen auf der anderen Seite des Raums sitzen, tief in ein Buch vertieft. Als ich näher hinschaue, bemerke ich, dass sie zeichnet. Dunkel erinnere ich mich, dass ich sie an der Stelle schon ein paar Male sitzen  sehen habe. Als ich sie frage, was sie macht, zeigt sie mir ihre Zeichnungen. Und ich bin sprachlos. Die sind wahnsinnig gut.

Sie heißt Sophie, kommt aus Neuseeland und reist seit ein paar Monaten schon durch Europa. Ich erzähle ihr von meinen nächsten Plänen in Spanien und wir finden heraus, das wir uns in der nächsten Zeit ziemlich in der Nähe aufhalten werden. Selbst als ich ihr sage, dass ich eventuell Ende Dezember nach Portugal fliege, um einen Freund zu besuchen, grinst sie. “I will be there till 18 th of January.”

Verrückt.

 

Als ich vor dem Einschlafen meinen Wecker stelle, steigt in mir eine gewisse Vorfreude hoch. Freude, auf das was morgen und in der Zukunft kommt. Freude, dass ich hier sein darf, dass sich endlich etwas zu bewegen scheint. Rein innerlich natürlich. Ich liege oben auf einem Hochbett, direkt neben mir eine bunte Balkontüre, durch die Lichter der benachbarten Lokale, herein tanzen. Musik. Und tief in mir beginnt sich eine wunderbare Leichtigkeit zu sammeln.

Die in der letzten Zeit etwas verloren gegangen ist.

 

 

Fotos & Text  © Lisa-Marie Lehner

 

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